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Schwarzfahrer, Asozial, Verbieten lassen – AdBlock-Plus

So zumindest sieht BVDW-Vorstand Matthias Ehrlich AdblockPlus und dessen Nutzer, wie man auf der gestrigen d3con in Hamburg hören konnte.

Zugegeben, ich beziehe mich hier nur auf einige Zitate, die im Laufe des Tages in den einschlägigen Blogs oder auf Twitter zu finden waren, ein komplettes Video oder Recap der Diskussion war bisher nicht zu finden, allerdings zeigte sich ja bereits letztes Jahr (bei nahezu derselben Veranstaltung) und im Vorfeld in diversen Interviews, wie sowohl Ehrlich als auch seine Kollegen vom OVK über das Modell AdBlocker im allgemeinen und die Whitelist von AdblockPlus im besonderen denken. Da ist dann von „Schutzgelderpressung“ und „Wegelagerei“ die Rede, man ist der Meinung, dass der Gesetzgeber hier eingreifen müsse.

ABP-Logo

AdBlock-Plus ist vielen ein Dorn im Auge (Quelle: adblockplus.org)

Symbolträchtig und evtl. nicht ganz zufällig fand dann auch nahezu zeitgleich zum Panel die erste Anhörung vor dem Kölner Landgericht in der Sache Axel Springer vs. AdblockPlus statt, wo dieselben Argumente vorgebracht wurden. Das Gericht hielt sich mit etwaigen Stellungnahmen sehr zurück und ließ verlautbaren, dass man das Whitelisting als „in hohem Maße bedenklich“ einstufe. Da kann man dem Gericht nur beipflichten.

So weit, so gut. Hier sind zwei Parteien mit offensichtlich gegensätzlichen Interessen, es wird mit harten Bandagen gekämpft und auch die ein oder andere, verbale Gehässigkeit kann man durchaus verzeihen. Wenn man allerdings anfängt, nun auch Unbeteiligte ins Visier zu nehmen und dabei auch noch die Hilfe des Gesetzgebers zu fordern, wird es kritisch.

Verbale Entgleisung?

Denn Matthias Ehrlich beschränkte sich auf der d3con nicht nur darauf, Till Faida und die Eyeo GmbH zu attackieren – was ja, wie gesagt, sein gutes Recht ist – nein, er sah sich anscheinend genötigt, auch die einfachen Adblock-User, sprich die einzige, nicht finanziell involvierte Partei, verbal anzugehen. (Anm.: ich beziehe mich hier auf Zitate anderer Seiten)

Matthias Ehrlich (Quelle:BVDW)

Matthias Ehrlich (Quelle:BVDW)

Auf Onlinemarketing.de ist zu lesen, dass er dort die Nutzer mit „Schwarzfahrern“ vergleicht, welche sich „asozial“ verhalten würden. Zeitgleich kam erneut die Forderung auf, Adblocker doch „einfach zu verbieten“, um diesem Ärgernis ein Ende zu bereiten. Und hier landen wir wieder beim Anfang des Artikels – dem Brecht-Vergleich. Nicht die Werbung ist das Problem, nein, es ist die souveräne Entscheidung erwachsener Menschen, ihre Medien so zu konsumieren, wie sie es für richtig halten, welche das Problem darstellt. Nicht die krampfhafte Monetarisierung jedes noch so kleinen Datenschnippsels gilt es zu ändern, nein, die Methoden, mit denen sich Leute davor schützen, die müssen verboten werden.

Wie gesagt, ich nenne es Hybris, vielleicht ist es aber auch nur eine Ausgeburt unseres immer größer werdenden Bürokratie-Molochs, welches Leute glauben lässt, dass ausgerechnet der Staat hier regulieren müsse. Schon seltsam zu sehen, wie eine Branche, die ursprünglich enstanden ist, um mit einer Mischung aus guten Argumenten, Kreativität und, im Onlinezeitalter, moderner Technik Waren an den Mann zu bringen zu etwas geworden ist, wo Lobbyisten großer Firmen um ihre Millionen bangen, weil niemand ihre unzähligen, sinnlosen und aufdringlichen Bildchen mehr anklickt und in Konsequenz dann auch nicht mehr sehen will.

Ein bekanntes Phänomen

Dieses Phänomen ist übrigens weder ein deutsches, noch eines, welches der Werbebranche vorbehalten wäre. Leider. Sowohl in der Gaming– als auch in der Filmszene sieht man das gleiche Schauspiel, und dort sind es auch die großen Konzerne, welche die simplen Tatsachen nicht verstehen oder wahr haben wollen: ein (illegal) heruntergeladener Film/ein Spiel stellt KEINEN VERLUST für den Publisher dar – selbes gilt für nicht angezeigte Werbung. User, welche gecrackte Spiele oder Filme laden, sind (laut Statistik) entweder zu arm, um die Produkte zu kaufen oder sind zahlende Kunden, die das Spiel aber sowieso nicht kaufen würden. Selbes gilt für Banner, Preroll-Ads, Overlays oder wie sich das neueste Gimmick auch immer nennt, mit welchem man versucht, Wasser aus einem Stein zu pressen. Niemand, der Adblocker nutzt, würde jemals auf ein Banner klicken und so geht hier auch niemandem etwas verloren. Man weigert sich jedoch seit Jahren, diesen simplen Fakt zu akzeptieren, aus welchen Gründen auch immer. Dass quasi JEDER aktive Adblock-Nutzer eine eigene Whitelist hat, in der Seiten, die es seiner Meinung nach verdient haben, eingetragen sind, ignoriert man ebenfalls.

Anstatt also die User anzufeinden, sollte man sich evtl. bei den Publishern beschweren, welche, vor allem bei den großen Tageszeitungen und Newsblogs, ihre Zeit damit verbringen, Meldungen von AP, Reuters oder dpa zu copypasten und mit einem Public Domain Foto zu versehen. Dass dafür niemand tonnenweise Werbung oder gar Prerolls „ertragen“ will, sollte eigentlich niemanden wundern.

Man kann also endlich versuchen, zu verstehen, woran es wirklich hapert, oder man kann Bertolt Brechts Ratschlag folgen und sich ein neues Volk, sprich neue User, suchen, welche dann schlechten Content klicken, durchlesen, dann auch noch auf ein Flashbanner klicken und am Ziel etwas kaufen, dann beim Retargeting JEDE E-Mail öffnen und dann dort auch alles bestellen, was ihnen nahegelegt wird.

Welche Variante realistischer ist, vermag ich nun auch nicht zu sagen. Heutzutage ist alles möglich.

PS: sobald sich ein Recap/Video der Diskussion findet, wird dieser Artikel entsprechend aktualisiert

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4 Comments  comments 

4 Antworten

  1. Der Artikel bringt es auf den Punkt. Ich bin ja selbst Publisher und AdBlog habe ich auch erst als lästig empfunden. Doch die Leute, die das Programm nutzen, würden glaube ich nie auf ein Werbebanner klicken. Und wenn ich mir manche Seiten so ansehe kann ich das gut verstehen.

    Statt zu klagen sollte sich Axel Springer besser darauf konzentrieren ordentliche Presseerzeugnisse herzustellen. Dann Stimmt auch die Auflage und der User ist zufrieden. Aber bei den Redakteuren wird ja lieber gespart.

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  2. Es hilft wenig, sich über Adblocker aufzuregen und Verbote zu fordern, wenn diese eh untergraben werden.
    Zum einen sollte man den Grund sehen, warum viele User von Werbung genervt sind. Werbung sollte unterhalten, innovativ sein, neue Informationen liefern, nicht ewig gleich aussehen und einen echten Mehrwert darstellen.
    Zum anderen können Websitebetreiber ja durchaus reagieren. Durch Verfahren wie jQuery und Fallback können AdBlocker erkannt werden. Dann wäre es z.B. möglich, automatisch auf eine Seite weiterzuleiten, in der sich der User kostenpflichtig registrieren muß, um die Website in Zukunft lesen zu können. Es gibt ja ohnehin oftmals Modelle, bei denen sich User entscheiden können, für etwas Geld zu bezahlen oder über Werbung finanziert zu werden. Durch diese freie Entscheidungsmöglichkeit wird dem User dann auch verdeutlicht, welche Vorteile der Verbraucher durch Werbung direkt hat (nämlich dass Unternehmen für meine Unterhaltung und Information zahlen, auch wenn ich vermutlich dessen Produkte nicht kaufen werde). Somit fördert man auch das Verständnis. Und wenn Werbung dann auch noch spannend gestaltet wird haben am Ende alles etwas davon. Ein Win-Win zu schaffen ist immer besser als ein Gegeneinander.

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  3. […] schienen die Diskutanten ebenfalls etwas ratlos zu sein. Es hilft doch nicht, den User als „asozial“ zu bezeichnen, wenn er den Dienst installiert und somit Publishern eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste […]

  4. […] sind. Gerade AdBlocker ist ein Thema, das auf jeden Fall fast alle Kanäle betrifft. Auch der BVDW hat seine Meinung dazu, die nicht unbedingt auf Nächstenliebe beruht. Aber auch Axel Springer klagt dagegen. Ich finde es […]