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Online City – am Ziel vorbei?

Es kommt wirklich relativ selten vor, dass ich den Namen meiner Heimatstadt in den täglichen Online-News vorfinde.

Umso erstaunter war ich, als ich Dienstagmittag einen Artikel bei Internetworld.de mit dem Titel „Regionale Portale: Alle wollen Wuppertal“ auf der Startseite sah. Es handelt sich dabei um eine Diskussion über die „Online City Wuppertal“, ein Pilotprojekt der Wirtschaftsförderung. Aufgrund der Länge des Textes gebe ich nur ein paar Punkte wieder, die Details kann jeder selbst nachlesen. Teilnehmer der Diskussion waren der „E-Commerce Beirat der InternetWorld Business“, Alexander Hock von ANWR, der das Branchenportal Schuhe.de betreut und schließlich Andreas Haberlein, freier Berater der Wirtschaftsförderung und Hauptverantwortlicher für die „Online City Wuppertal“. Doch worum geht es überhaupt?

online_city_logoDer Graben

Hier ein Auszug aus den FAQ:

„Online City Wuppertal ist ein Pilotprojekt der Nationalen Stadtentwicklungspolitik des Bundes, gefördert durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Es hat sich zum Ziel gesetzt, den scheinbar unüberwindbaren Graben zwischen Online- und Offline-Handel zu schließen und besonders die Chancen des elektronischen Handels und der Online-Kommunikation für eine attraktive und lebendige Einkaufsstadt in den Vordergrund stellen. Dieser innovative Ansatz war Grund dafür, dass die Jury aus bundesweit 160 eingereichten Projektideen Online City Wuppertal als eines der insgesamt 20 geförderten Projekte ausgesucht hat.“

Das Projekt will also den „unüberwindbaren Graben“ schließen und endlich Online- und Offline-Handel sinnvoll verknüpfen und somit eine „lebendige Einkaufsstadt“ schaffen. So weit, so gut. Doch wie in der Diskussion bereits angesprochen wird, stellt sich die Frage: warum hat das so lange gedauert und warum erfährt so ein Projekt in 2015 derartige, mediale Aufmerksamkeit?

Was ist so besonders an dem Portal und warum wollen mittlerweile über 20 Städte das Konzept übernehmen? Fragen über Fragen – auf die leider weder die Seite selbst, noch die Diskussion irgendeine klärende Antwort geben.

Eingang der Rathaus-Galerie in Wuppertal

Eingang der Rathaus-Galerie in Wuppertal (Quelle: rathaus-galerie-wuppertal.de)

Am Thema vorbei

Man schafft es nämlich nur sehr am Rande, das eigentliche Problem vieler Innenstädte zu lokalisieren (pun intented) – eine mangelhafte UX. Und wie Google uns gelehrt hat, kostet eine schlechte UX Traffic. Nicht, dass man Probleme für die Händler vor Ort nicht richtig analysieren würde, nein, man erkennt den Unterschied zwischen Online- und Offline-Kundschaft einfach nicht. Was im E-Commerce richtig und wichtig ist, muss bei Brick&Mortar noch lange nicht stimmen. Denn anders als im Internet kann hier der Kunde die Umgebung eines jeweiligen Shops nicht ausblenden, wie das online geschieht.

Einfach ausgedrückt: Amazon muss sich nur um die UX bei Amazon kümmern, um die Kunden zufrieden zu stellen – egal wieviel Schund sonst im Netz zu finden ist, es hat keinen Einfluss auf das Einkaufserlebnis. Vom stationären Handel kann man dies allerdings nicht behaupten.

Der tollste Shop der Welt wird kaum Erfolg haben, wenn der Rest der Stadt verdreckt, die benachbarten Ladenlokale leer und die Laufkundschaft nicht vorhanden ist. Da spielt es keinerlei Rolle, was für Shop-in-Shop Konzepte man entwickelt, wie groß die Auswahl im Laden oder gut geschult das Fachpersonal ist.

Die Lösung

Glücklicherweise erkennt wenigstens Gerrit Heinemann in der Diskussion, dass man auch andere Wege gehen kann, wie er am Beispiel des Soester Weihnachtsmarkts und des dort vorhandenen freien WLANs erläutert. Vielleicht sollten sich Städte erst einmal wieder darauf konzentrieren, die City als solche attraktiv zu machen – ganz ohne kommerziellen Hintergedanken – und vielleicht würden sich dann auch dort wieder Leute aufhalten. Wenn man aber Bürgerbegehren gegen große internationale Ketten wie IKEA oder Primark mit dem lapidaren Verweis auf „Arbeitsplätze“ beiseite wischt, braucht man sich halt nicht wundern, wenn sich bei den Anwohnern Frust breitmacht. Ich weiss, diese Gedanken haben wenig mit neuer Technik zu tun und erlauben es irgendwelchen „Experten“ auch nicht, mit Anglizismen um sich zu werfen, was sie in der Onlinecommunity nicht unbedingt populär macht – allerdings sollten sich einige Leute mal fragen, was Orte wie der Münchener Viktualienmarkt, das Elbufer in Dresden oder die Münstener Altstadt gemeinsam haben – ein Tipp: es sind nicht gerade niedrige Preise.

Soester Weihnachtsmarkt (Quelle: Soester Anzeiger)

Soester Weihnachtsmarkt (Quelle: Soester Anzeiger)

Fazit

Wer heute immer noch glaubt, dass Auswahl und Preise die wirklichen Gründe für den Erfolg von E-Commerce und den Niedergang des Einzelhandels sind, sollte evtl. mal etwas öfter vor die Tür gehen. Selbst der beste Online-Shop der Welt kann es nur sehr bedingt mit einer attraktiven Innenstadt aufnehmen – zu glauben, Online-Shopping würde ablaufen, wie in der Werbung, wo irgendwelche Mittzwanziger zu dritt oder viert auf einer Couch rumtollen und sich dabei Produktbilder auf einem Tablet zeigen, ist einfach lächerlich.

Würde man aufhören, Äpfel mit Birnen vergleichen zu wollen, wäre vielen Beteiligten schon geholfen – doch wie so oft wissen die Experten es besser. Na dann viel Glück, sie werden es brauchen.

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