magnify
Home Themen Internet Worst Case Szenario durch neue E-Privacy-Richtlinie?
formats

Worst Case Szenario durch neue E-Privacy-Richtlinie?

Ausgestellt am 21. November 2017 von in Internet

Datenschutz ist und bleibt ein zentrales Thema im Online-Marketing, mit dem sich auch die Politik regelmäßig auseinandersetzen muss. Was dabei herauskommt, zeigt auf exemplarische Art und Weise die nun vorgestellte Neuregelung, die bereits Mitte 2018 in Kraft treten und besonders Affiliate-Marketer vor große Probleme stellen könnte.

Am 10. Januar diesen Jahres stellte die EU-Kommission ihre neue Version der sog. “E-Privacy-Richtlinie” vor, welche den Umgang mit Nutzerdaten und den dazugehörigen Einverständniserklärungen, kurz Opt-Ins, regeln soll. Bereits kurz nach Erscheinen des vorläufigen Textes hatten sich zahlreiche Datenschutz-Experten mit grundlegender Kritik zu Wort gemeldet, die wir damals auch schon kurz im Blog kommentiert hatten.

Wie nun am 19. Oktober bekannt wurde, scheint der EU-Justizausschuss (LIBE) die viel kritisierte Vorab-Version vermutlich ohne substantielle Änderungen übernehmen zu wollen – was für viele (Affiliate)Marketer einem Worst-Case-Szenario gleichkommen dürfte, wie Markus Kellermann in einem Kommentar bei Internetworld.de vor zwei Wochen auch schon passend bemerkte.

Zur Erinnerung, dies sind einige der Veränderungen, die sich bereits jetzt absehen lassen, sollte die Richtlinie tatsächlich uneditiert ihren Weg in die Gesetzbücher finden:

  • Viele Trackingmethoden lassen sich nicht mehr in der heutigen Form nutzen, das Sammeln von Userdaten aller Art wird massiv erschwert
  • Third-Party-Tracking könnte in der jetzigen Form rechtswidrig werden
  • Die von der Richtlinie geforderten “expliziten Opt-Ins” (bereits markiertes Kästchen reicht nicht mehr aus) bevorzugen in hohem Maße Anbieter, die bereits aus anderen Gründen über so einen “positiven” Opt-In verfügen, ganz konkret vor allem Facebook und Google bzw. Alphabet
  • Google und Facebook (evtl. auch Amazon) könnten damit über kurz oder lang auch die Kunden der bisherigen Netzwerke und Tracking-Anbieter abwerben, da diese nicht mehr in der Lage wären, ihren Service vollumfänglich anzubieten
  • Kleine Publisher dürften kaum in der Lage sein, den rechtlich nötigen Mehraufwand zu betreiben
  • Da von der neuen Richtlinie allerdings nicht nur Marketer, sondern auch die User betroffen sind, sollte man deren Sicht der Dinge nicht ignorieren – im Gegenteil. Wir haben uns einmal mit einem möglichen Worst Case Szenario auseinandergesetzt.

    “Etappensieg für Nutzerrechte”

    Die unterscheiden sich nämlich oft grundlegend von denen der “überwachungsbasierten Werbung” wie es in einem Kommentar zur Entscheidung des LIBE-Ausschusses bei Netzpolitik.org heisst. Dort freut man sich darüber, dass der verhassten Werbelobby von den Experten der EU eins ausgewischt wurde.

    Fairerweise muss man dabei erwähnen, dass zumindest laut einer europaweiten Umfrage im Auftrag der EU-Kommission vom Ende letzten Jahres, über 90 Prozent aller Nutzer eine Verbesserung des Schutzes ihrer personenbezogenen Daten fordern. Für die meisten Befragten war dabei eine Voreinstellung des Browsers (“do not track”), welche Seiten das Sammeln von Daten aller Art untersagt, die gewünschte Regelung.

    Sowohl auf Nutzerseite, als auch bei den Datenrechtlern von Netzpolitik.org et al. wird allerdings außer Acht gelassen, dass es die von ihnen gelobte EU ist, die an anderer Stelle versucht, die eigenen Bürger stärker zu überwachen.

    Interessenausgleich

    Objektiv betrachtet besteht das eigentliche Problem darin, diese doch sehr stark divergierenden Interessen in einer Art und Weise abzuwägen, die vor allem eines ist: Realistisch.

    Für die einen ist Kellermann “kein Experte”… Quelle: Internetworld.de

    …und Tracking ist “Stalking”, gegen das man u.a. einen Kampf führt. Quelle: netzpolitik.org

    Während es andere doch ein wenig realistischer sehen… Quelle: Internetworld.de

    Wie man schnell sieht, erscheinen die Positionen relativ unvereinbar, besonders dadem Gegenüber nicht nur eine falsche Meinung, sondern gleich ein moralisch fragwürdiger Charakter unterstellt wird. Die einen sind “Stalker”, die anderen vermeintliche Sozialisten, welche die freie Wirtschaft abwürgen wollen.

    Und das eigentliche Objekt der Begierde, der User, wie passt der in das Bild? Und inwiefern werden seine Interessen berücksichtigt?

    Lösungsansätze

    Die sich anbahnende Situation kann eigentlich niemand wollen. Eine Situation, in der die User hinter jedem Formular einen Datenhändler, hinter jedem Login einen Versuch sehen, in ihre Privatsphäre einzudringen, in der Seitenbetreiber beim kleinsten Verstoß gegen die Richtlinien Angst um ihre Existenz haben müssen und selbst große Konzerne sich zu NOCH größeren “Allianzen” zusammenschließen müssen, um der Arbitrage von Facebook, Google und Amazon noch etwas entgegensetzen zu können.

    Dabei sollte das Hauptaugenmerk aller Beteiligten darauf liegen, nicht nur eine realistische, sondern auch langfristige Lösung zu finden, die bereits im Vorfeld eventuelle, technische Neuerungen direkt mit erfasst, um späteres Nachbessern zu vermeiden. Leichter gesagt, als getan. Denn alle Parteien verharren nach wie vor vehement auf ihrer Meinung und damit verbundenen Erwartung.

    Werbeindustrie
    Es fällt mir schwer, hier nicht die selben Handlungsempfehlungen wie damals beim AdBlock-Plus Debakel zu geben: Die Werbeindustrie hat es in den letzten Jahren versäumt, den Gegenwind, der ihr aus Richtung von Datenschützern und Usern entgegen wehte, auch als solchen zu verstehen. Man hielt es vermutlich für Fahrtwind auf der schnellen Reise Richtung Zukunft, voller Programmatic, Snapchat-Videos und optimierter Preroll-Ads. Falsch gedacht. Nachdem man sich den freundlichen Bitten nach mehr Datenschutz und dem weniger aufdringlichen Tracking seit Ewigkeiten kategorisch verweigert hat, kommt nun halt das Erwachen in Form einer unfreiwilligen Kontrolle von oben – und man fällt aus allen Wolken. Vielleicht sollte man sich in der Branche einmal Gedanken darüber machen, was diese ganzen selbst auferlegten “Datenschutz-Standards” und “Code(s) of Conduct” überhaupt wert sind.

    Politik
    Anstatt das Parteibuch zum Einstellungskriterium für “IT-Experten” zu erklären, sollten sich EU und besonders die deutsche Regierung darauf beschränken, den rechtlichen Rahmen zu gestalten. So wäre man dann hoffentlich in der Lage, sowohl technisch machbare, als auch rechtlich umsetzbare Lösungen zu präsentieren – und keine Bevormundungs-Programme für erwachsene Menschen.

    Datenrechtler
    Man sollte sich eventuell von der schizophrenen Position lösen, gleichzeitig Menschen ihre “Informationshoheit”, sprich souveränen Umgang mit den eigenen Daten im Netz, ermöglichen zu wollen, und diese dann gleichzeitig zu behandeln, als ob diese nicht in der Lage wären, ihre Facebook-
    Einstellungen selbst zu überprüfen. Des Weiteren wäre es angebracht, sich den Gestus des Bürgerrechtlers gegen “die da oben” abzugewöhnen, während man gleichzeitig regelmäßig geladener Gast auf diversen, staatlichen Veranstaltungen ist. “EU-Moloch hui, Google pfui”.
    Hier wäre eine klare Positionierung angebracht.

    Die User
    Sofern es sich bei den Usern um Erwachsene handelt, sollten sie nicht die Verantwortung für ihren Datenschutz anderen überlassen. Leute, die jeden noch so kleinen Fitzel ihres Privatlebens auf Social Media posten, sich dann aber darüber beschweren, für sie relevante Werbung angezeigt zu bekommen, nehmen weder Politik noch Werbeindustrie ernst. Dabei steht jedoch der “mündige Bürger” im Zentrum der ganzen Problematik. Nur der Nutzer selbst hat, sowohl rechtlich, als auch logisch betrachtet, hier die Möglichkeit, die Situation nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Die leider für viele Nutzer typische Passivität im Umgang mit Netzpolitik im Allgemeinen und persönlichen Datenschutz im Besonderen, sorgt jedoch regelmäßig dafür, dass gut organisierte Lobbygruppen und Politiker am Ende bestimmen, wo es langgeht. Woraufhin sich dieselben User dann wieder lautstark beschweren und nach eben den Leuten rufen, welche die Situation überhaupt erst geschaffen haben.

    Fazit

    Im Zentrum des Problems steht die Tatsache, dass Aussagen vieler Verantwortlicher in den meisten Fällen nichts weiter sind, als bloße Lippenbekenntnisse. Aus diesem Grund bleibt schlussendlich unterm Strich festzuhalten: Verhalten sich User wirklich so, wie es von Politik und Werbebranche, hier vertreten durch Markus Kellermann, immer wieder öffentlich gefordert wird, stehen sowohl Advertiser, als auch staatliche Spitzel vor einem großen Problem.

    Da dies aber ein nicht zu erwartendes Erkennen und Umsetzen der eigenen Verantwortung auf Seiten der User bedeuten würde, müssen diese sich vorerst noch darauf verlassen, dass andere in ihrem Namen “ihr Recht” vertreten. Mit allen positiven wie negativen Folgen.

    Wir dürfen gespannt sein, welche Auswirkungen die E-Privacy Verordnung hat, wenn sie in Kraft tritt und halten Euch auf dem Laufenden.

    VN:F [1.9.22_1171]
    Wie hat dir dieser Beitrag gefallen?
    Wertung: 0.0/5 (0 Bewertungen)
    Danke für´s Teilen :-)Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn
 
 Share on Facebook Share on Twitter Share on Reddit Share on LinkedIn
No Comments  comments 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.